#9 Die Nein-Geschichte

eine Enttarnung der Harmoniesucht




Immer wieder bin ich beeindruckt, wie viele Menschen sich den Themen stellen, die unter die Haut gehen. Die ziemlich tief in die eigene Wachstumszone hinein reichen und wie mutig wir uns hier gemeinsam vorwagen. Wenn Du Dich für diesen Post entschieden hast, dann bist Du wahrscheinlich auch kein expert im Nein-sagen. Das macht nichts. Gerade weil Du Dich schon fein beobachtet hast und Dir aufgefallen ist, dass es Dir schwer fällt, bist Du auf einem guten Weg – zu Dir selbst.


Ich möchte Dir kurz meine Geschichte des Neins erzählen.


*Achtung Triggerwarnung!


Während andere Menschen rund um mich herum NEIN sagen durften, war dieses Wort beim Heranwachsen für mich irgendwie verboten. Überhaupt galt manchen Bezugspersonen mein Wille als Bedrohung – meine Grenze als Bedrohung. Falls ich mich aber im Kleinkindalter doch lautstark zu artikulieren versuchte, wurde dieser Wille unter anderem mit Gewalt gebrochen, bis ich mich ergab. Später war ich ein leichtes Opfer für Nötigung und Übergriffe im Vorschulalter. Meine Grenzen waren verschwommen. Auch für mich. In meiner Jugend hat sich meine Kraft noch einmal aufgebäumt, die – so wurde es mir zumindest ausgemalt – total gefährlich und abartig ausufern konnte.




Also Schuld in der Reinform – für ein Selbst.

Für menschliche Bedürfnisse. Für Gefühle. Für eine Grenze

und vor allem für ein Nein, das eine Grenze nicht deutlicher zeigen könnte.




Vom Nein hatte ich mich ohnehin mit meinen 17 Jahren verabschiedet, bis auf den Moment einer Vergewaltigung. Bei der nachfolgenden Entführung stand ich unter Schock und konnte nicht sprechen. Erst in der Situation der Freiheitsberaubung und neuerlichen Vergewaltigung war das NEIN wieder da. Der Kampfgeist. Die enorme Kraft für den Selbstschutz. So lange, bis ich mich ergab, um an den Schlüssel für die Folterkammer zu kommen. Ergeben als Strategie zum Überleben, die Gewissheit, dass jede Mühe, all meine Kraft nicht reichen wird, mich zu befreien, ist lähmend.



Nicht alle Menschen erleben traumatisches, wie ich es erlebt habe. Aber viel mehr, als uns bekannt ist. Viel mehr, als es uns überhaupt bewusst ist. Wie viele Menschen ordnen Erlebnisse aus ihrer Kindheit so ein, dass es nicht so schlimm erscheint, nicht so überwältigend. Wie vielen Menschen wurde gesagt, dass sie eine schöne Kindheit hatten und haben verdrängt, was sie erlebten. Jede Form von Gewalt, in jeder Abstufung macht etwas mit uns und beeinflusst, wie wir denken, handeln und fühlen.



Ich erzähle Dir das nicht, weil ich Dich schockieren möchte, sondern, weil ich so lange dafür gebraucht habe, zu erkennen, was ich tatsächlich erlebt habe. Dass meine Grenzen massiv verletzt wurden. Dass ich welche haben darf, dass ich nicht selbst Schuld bin am Verhalten anderer. Und weil es so viele von uns Frauen, Menschen aus Minderheiten, Kinder von Alleinerzieher*innen und Personen gibt, die froh sein konnten, wenn sie geduldet und nützlich waren. Würde, einen Willen und Respekt gesteht nicht jeder privilegierte Mensch, offensichtlich machtloseren Personen zu. Leider. Das ist meine Nein-Geschichte. Eine Geschichte, wie sie oft geschieht, viel öfter, als wir es uns eingestehen.



Hier komme ich zur radikalen Akzeptanz.

Die einzige Radikalität, die ich sinnvoll finde.