#5 Die Brücke des Ärgers

eine Liebeserklärung an dieses "verpönte" Gefühl







Schön, dass Du heute wieder mit dabei bist und Dich so mutig für diesen Ärger-Beitrag entschieden hast. Klingt ja auf Anhieb nicht wahnsinnig einladend. Was allerdings alles erst möglich wird, mit der Aktivierung von Ärger ist erstaunlich und wichtig, in jedem Leben. Heute möchte ich einem Publikumswunsch nachkommen und mit Ärger in den Gefühle-Schwerpunkt starten. In der Podcastepisode lassen wir uns ein und erspüren, wofür wir den Ärger brauchen. Wo er uns schadet, welche weichen Gefühle hinter dem Ärger stecken, welche Bedürfnisse gesehen werden möchten und wie wir sie selbst stillen können.


Doch zuerst nähren wir mal den Verstand mit ein paar Informationen. Dazu hole ich mir ein bisschen Hilfe aus der dialektischen Verhaltenstherapie (die habe ich ja schon in den ersten beiden Episoden eingebracht). Und von den Aufzeichnungen einer Psychotherapeutin, die gerne Ergebnisse der Neurowissenschaften in die Therapie integriert. Das ist für mich eine ganz willkommene Kombination! Ihr Name ist Gerlinde Ruth Fritsch und sie ist auch die Autorin von einem meiner Nachschau-Bücher, die immer bei mir griffbereit zu finden sind. Ich habe Dir ihre zwei Werke, mit dem unbeschreiblich klaren und kompakten Inhalt zu allen Gefühlen und Bedürfnissen – wieder hier zum Kauf verlinkt. Vielleicht möchtest auch Du hin und wieder einen Blick hineinwerfen.

















Auch mein eigener langjähriger Therapeut hat mir sehr viel über Ärger beigebracht. Und zwar nicht nur theoretisch, sondern in einem offenen Übungsfeld und Nachreifungsprozess. Die ganze Palette – von Annäherung an den Ärger, spüren des Ärgers, akzeptieren des Ärgers, validieren, ausdrücken des Ärgers, aushalten der extremen Angst als Reaktion auf das Ausdrücken – bis hin zu vorsichtigem und später authentisch ausgedrücktem Eigen-Ärger. Also seinen Eigenen, um mich auch hier wieder gut zu begleiten. Damit ich die Erfahrung machen konnte, dass Ärger, egal welcher beteiligten Person – zum Beispiel NICHT das Ende der Beziehung darstellt. Der ganze Prozess war (in mir) stark begleitet von psychosomatischen Reaktionen, die ich lernte in den Hintergrund der Therapie zu stellen. Zwar zur Kenntnis zu nehmen, mich zu versorgen und auch zu trösten, meinem Körper in seiner Arbeit Verständnis und Dankbarkeit entgegenzubringen und trotzdem meinen Fokus auf Gefühle, statt auf die Schmerzen zu richten. Es dauerte wirklich sehr lange, bis ich begriff, dass der gute Fachmann, der auch Arzt ist, mir nur damit wirklich zu helfen vermag. Im Umgang mit meinen Gefühlen, egal ob es um Beruf, Eltern, Geschwister, Kinder, Partner mein Verhalten, Erinnerungen, Verletzungen oder Krankheit ging. In der nicht müde werdenden oder trotz zwischenzeitlich müder werdender Bemühung, mich genau dort – immer und immer wieder hinzuführen.



Ich bin so froh, dass ich nicht aufgegeben wurde.



Grundsätzlich gilt für Ärger und seine Steigerungsform Wut, dass sie, wie alle Gefühle, eine wesentliche Aufgabe zu erfüllen versuchen. Ärger ist tatsächlich notwendig um Ziele durchzusetzen. Und Ärger und Wut treten immer dann auf, wenn unsere Grenzen und Ziele oder die, einer für uns wichtigen Person bedroht werden. Um also zielorientiert handeln zu können, sagt mir die Wissenschaft, brauche ich die Aktivierung des Ärgers.


Für mich war Ärger lange Zeit mit Angst, Scham und Schuld verbunden. Und das ist er immer noch manchmal. Nur kann ich mittlerweile mein primäres Gefühl in Folge einer Situation, die starke Gefühle auslöst, erkennen und die anderen Gefühle, die sich im Autopiloten darüber legen, abschwächen.



Ärger können wir in uns erkennen


  • wenn wir das Gefühl von Kontrollverlust haben


  • wenn sich eine Anspannung in den Muskeln ausbreitet, im Bereich der Oberschenkel, des Kiefers, in den Händen, im Heben der Schultern oder auch mit einem erröteten Kopf. Mein Kopf glüht, wenn ich mich ärgere, mein Kiefer mahlt und meine Zunge presst so stark gegen meine Zähne, dass ich richtige Abdrücke bekomme und mich unbewusst dabei verletze. Über den Zusammenhang von Spannungskopfschmerzen und Migräne, die ich in meiner rechten Körperhälfte dem Ärger zuschreibe, habe ich bereits hingewiesen. Wo kannst Du in Deinem Körper wahrnehmen, dass sich das Signal Ärger meldet?


  • Wir können auch in unseren Gedanken den Ärger finden, wenn wir zum Beispiel Bilder im Kopf haben, die aggressiv sind oder “gar nicht nett”.


  • Und in unseren Handlungsimpulsen! Das ist ein toller Indikator, um herauszufinden, welches Gefühl hier beachtet werden soll. Schreien, weinen, Dinge werfen, kaputt machen, verletzende Worte, alles zurückgehalten zumeist. Leider schrecke ich mich oft vor meinen Handlungsimpulsen und fühle mich gleich schuldig und abartig, sodass ich gar nicht dazu komme, mich zu ärgern. Tatsächlich zeigt sich Ärger bei kontrollierten Menschen eher in einem beißendem Tonfall, Sarkasmus oder Kritik.



All diese Dinge verraten mir, dass ich mich ärgere. Ich brauche diese Krücke manchmal immer noch, um anerkennen zu können, dass ich mich gerade Ärgere. Ich will mich prinzipiell in vielen Situationen noch immer nicht freiwillig ärgern. Leider werde ich dann aber nicht informiert, dass gerade eine Grenze von mir oder ein Ziel bedroht wird. Und ich werde trotzdem nach und nach immer besser im Ärgern. Ich sehe diese Gefühlsregung nicht mehr als Schwäche an und verschwende keine Minute mehr meines Lebens darauf, mich zu beruhigen und meinen Ärger abzuschwächen. Wenn mein Ärger es gerade geschafft hat, seine Aufgabe zu erfüllen, in mein Bewusstsein zu treten – mich zu informieren, dass da gerade wirklich was nicht stimmt und ich damit gefordert bin, meine Grenzen zu setzen und Ziele zu verfolgen – ja dann bin ich froh.


Nicht in der Ruhe liegt die Kraft,

für Menschen, denen abhanden gekommen ist,

ihre eigenen Grenzen zu spüren, anzuerkennen

oder auszudrücken. Im Ärger liegt die Kraft!



Was jedoch für ein Rattenschwanz an Arbeit das bedeutet, sich dem Gefühl Ärger anzunähern, wenn genau der Ärger immer gemieden wurde, soll aber hier auch einmal ganz deutlich gesagt werden. Das ist kein Zuckerschlecken. Wirklich nicht. Das Verhalten Ärger zu vermeiden, zu ignorieren und die Folgen im Körper spüren zu müssen, ist aus einer Überlebensstrategie, den eigenen unbewusst entwickelten Überlebensregeln heraus entstanden. Und die, die dürfen ja auch erstmal aufgespürt werden. Bei mir war das sooo mühsam, dass ICH, die nichts fürs Jammern übrig hat, glatt zur Suderantin werden könnte – bei der Erinnerung an diesen Therapie-Prozess. Zu akzeptieren, dass ich mich verhalte, wie ich mich eben verhalte, obwohl es absolut keinen Sinn macht (langfristig gesehen), war trotz dieser Bewusstheit, unglaublich hart für mich, in einer Therapie offen zu legen. Ich denke da zum Beispiel an das ständige Davonrennen vor echter Nähe. (Wie denn auch? Nähe ohne Grenzen ist ja wirklich bedrohlich.) Oder das Krankwerden, bei gemachten Fehlern am Arbeitsplatz oder in Beziehungen. Und um hier Milde walten zu lassen: auch dieser Widerstand gegen die Realität, dem Eingeständnis vor meinem Therapeuten zu meinem unverständlichen Verhalten, war nichts anderes als die Festung eines Bildes von mir und meinem Leben, von meiner Geschichte und den Menschen, die mir wichtig waren, das ich lange Zeit echt gebraucht habe, um zurecht zu kommen; um zu überleben. Ich kann mittlerweile auch mir zugestehen, dass es nicht mit einmal Schnipsen getan ist, Veränderung herbei zu führen. Vor allem, wenn die Akzeptanz, die die Veränderung möglich macht, mir den Boden unter den Füßen wegreißt und das bisschen Orientierung, das ich in meinem Leben davor zur Verfügung hatte, maßiv bedroht.



Das Akzeptieren von dem was ist,

wie ich mich fühle und dem was war, wie ich mich gefühlt habe,

bedroht die innere Ordnung und die Ordnung der Welt.



Wie wir unsere Erlebnisse, unsere Geschichte, unsere Eltern und Bezugspersonen einordnen,

verändert sich und das birgt große Unsicherheit. Mit dem ganzen Ärger, den ich vor einigen Jahren dann doch noch – mit dem aufkeimenden Vertrauen in meinen damaligen Therapeuten wahrnehmen lernte, war ich dann aber auch ziemlich erschrocken. Darüber, wie oft ich mich eigentlich so ärgere. Das Bild der Sanftmut in Person, die sich nur über die eigene Mutter ärgern kann und alles andere, wirklich alles andere verstehen, verzeihen und nachvollziehen kann, sodass es gar keinen Grund zum Ärgern gibt, war aufgebrochen. Auch die Beobachtung meines Therapeuten, dass ich für andere Personen sehr wohl kräftig in die Vollen gehen kann – mit der Kraft des Ärgers – habe ich versucht, mal so stehen lassen zu können.


Und auch die Intensität oder die Frage, ob der Ärger angemessen war, konnte ich damals nicht so recht einordnen – zu Beginn. Das war im Sommer 2016. Mein damaliger Therapeut ist immer in Verzückung geraten, wenn ich mich endlich geärgert habe. Er hat gefühlte Purzelbäume geschlagen, wenn ich ihn dann auch noch ausgedrückt habe. In dieser Therapie durfte ich erleben was es heißt, in einem Konflikt wertschätzend behandelt zu werden und den Konflikt aktiv anzusprechen. Und er hat mir einen verlässlichen und sicheren Raum gegeben, neues Verhalten auszuprobieren – für mich, meine Grenzen und meine Bedürfnisse einzustehen. Damals habe ich noch oft den Ärger abgeschwächt, indem ich versucht habe entgegengesetzt zu denken, zu handeln oder eine entgegengesetzte Körperhaltung einzunehmen. Hier bin ich dem Konzept der dialektischen Verhaltenstherapie auf Punkt und Komma gefolgt. Heute mache ich das kaum noch. Ich orientiere mich lieber am Achtsamen Selbstmitgefühl. Das ist für mich lebenspraktischer und nicht so technisch in diesem Punkt. Da komme ich nicht aus, kann meine echten Gefühle nicht übermalen mit anderen Bildern und kann mich nicht durch Kontrolle im Abarbeiten von Methoden, vom eigentlichen Gefühl ablenken.


Mit einer abgewandelten Selbstmitgefühls-Übung zum Schluss, möchte ich Dich gerne einladen, Deine Gefühle und Körperempfindungen, für einen Moment – bewusst wahrzunehmen und Dir selbst in Güte und Mitgefühl zu begegnen. Diese Übung kannst Du Dir im Podcast anhören. Mit dem hier zum Kauf verlinkten Buch, habe ich meine Selbstmitgefühls-Praxis – für zu Hause – begonnen. Ich kann es Dir nur wärmstens empfehlen, wenn Du Deine Beziehung zu Dir selbst auch stärken möchtest.





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